Lehrkräfte in der Gratifikationskrise - Pressekonferenz in Schwerin am 17.03.26

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Bei der Landespressekonferenz im Schweringer Schloss wurden die ersten Ergebnisse der Lehrkräfte-Befragung vorgestellt. Über 2.000 Lehrkräfte haben an der Umfrage im November 2025 teilgenommen. Eingeladen waren Lehrkräfte aller öffentlichen Schulen (außer Förderschulen) in Mecklenburg-Vorpommern.
Lehrkräfte in Mecklenburg-Vorpommern: Hohe Belastung, sinkende Attraktivität, wachsendes Gesundheitsrisiko
Lehrkräftemangel, hohe Arbeitsbelastung und gesundheitliche Risiken prägen den Alltag vieler Lehrkräfte in Mecklenburg‑Vorpommern. Das zeigen erste Ergebnisse des Forschungsprojekts „Verbesserung der Attraktivität des Lehrberufs in M-V“, das von der Kooperationsstelle Hochschulen & Gewerkschaften der Georg‑August‑Universität Göttingen in Zusammenarbeit mit der GEW M-V durchgeführt wird.
Hier finden Sie die Präsentation zur Pressekonferenz und die beiden Arbeitspapiere
Arbeitspapier 1: Attraktivität des Berufs von Lehrkräften
Arbeitspapier 2: Gesundheit und Wohlbefinden von Lehrkräften
Zusammenfassung
Im November 2025 wurden alle Lehrkräfte an öffentlichen Schulen des Landes (ohne Förderschulen) zu ihren Arbeitsbedingungen, ihrer Gesundheit und der Attraktivität des Lehrberufs befragt. Über 2.000 Lehrkräfte nahmen an der Online‑Befragung teil (Rücklaufquote 17 %). Die verwendeten Instrumente wurden in mehreren Bundesländern eingesetzt und erlauben Vergleiche mit früheren Befunden aus Hamburg, Berlin, Sachsen und Niedersachsen.
Attraktivität des Lehrberufs deutlich eingeschränkt
Die Befunde zeigen eine ausgeprägte Verunsicherung:
- Nur 42 % der Lehrkräfte würden ihren Beruf erneut wählen.
- 19 % würden sich nicht noch einmal für den Lehrberuf entscheiden, 39 % sind unentschlossen.
- Nur 15 % würden den Lehrberuf uneingeschränkt weiterempfehlen, 50 % raten eher ab.
Damit liegt das Land in einem bundesweiten Trend sinkender Attraktivität des Berufes. Zwischen den Schulformen zeigen sich Unterschiede im Detail, aber kein Bereich schneidet wirklich gut ab.
Eine zentrale Rolle spielen dabei die Arbeitsbedingungen: 80 % fühlen sich durch Zeitdruck stark belastet, 68 % durch regelmäßige Mehrarbeit, 73% durch eine deutliche Zunahme der Arbeitsanforderungen in den letzten Jahren. 29 % befinden sich in einer sogenannten Gratifikationskrise – sie erleben, dass ihr beruflicher Einsatz nicht mehr in einem angemessenen Verhältnis zu Anerkennung, Entwicklungsmöglichkeiten und Entlohnung steht.
Besonders alarmierend ist die Einschätzung der Work‑Life‑Balance: 81 % der Lehrkräfte geben an, dass ihre Arbeit ihnen nicht ausreichend Zeit für Familie, Freundschaften und private Interessen lässt. Gerade für einen Beruf, der lange als familienfreundlich galt, markiert dies einen gravierenden Attraktivitätsverlust.
Gesundheitliche Risiken deutlich erhöht
- Nur 40 % der Lehrkräfte bewerten ihren allgemeinen Gesundheitszustand als gut oder sehr gut, 22 % als weniger gut oder schlecht. Damit liegen sie deutlich unter dem Durchschnitt der Beschäftigten insgesamt.
- Auch beim psychischen Wohlbefinden („Wellbeing“, WHO‑5) liegen die Lehrkräfte mit einem Mittelwert von 44 Punkten deutlich unter den Werten anderer Berufsgruppen (Deutschland: ca. 64). Ein relevanter Anteil weist Werte unterhalb der Schwellen auf, die als Risiko für Depressionen gelten.
- Das Burnout‑Risiko ist deutlich erhöht: Nur 26 % befinden sich im Normalbereich, 59 % weisen ein moderates, 16 % ein hohes Risiko auf. Die Werte liegen damit spürbar über Vergleichsgruppen in anderen Berufen.
Belastungsfaktoren wie Zeitdruck, Mehrarbeit, steigende Anforderungen, Lehrkräftemangel, digitaler Stress, Konflikte mit Eltern und Schüler*innen sowie eine schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zeigen in der Analyse systematische Zusammenhänge mit erhöhtem Burnout‑Risiko und niedrigerem Wohlbefinden. Besonders ausgeprägt ist der Effekt einer mangelnden Vereinbarkeit: Bei Lehrkräften, die ihre Arbeit kaum mit dem privaten Leben vereinbaren können, weist mehr als ein Drittel ein hohes Burnout‑Risiko auf.
Diese gesundheitlichen Risiken bleiben nicht ohne Folgen für die Personalsituation: 24 % der Lehrkräfte planen, im kommenden Schuljahr ihre Stunden zu reduzieren. In der Gruppe der über 55‑Jährigen geben 60 % an, voraussichtlich nicht bis zum regulären Pensionsalter im Schuldienst zu bleiben; bei Lehrkräften mit hohem Burnout‑Risiko sind es 74 %. Dies verschärft den bestehenden Lehrkräftemangel zusätzlich.
Mecklenburg-Vorpommern: Der Handlungsdruck bleibt hoch
Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass das Land vor großen Herausforderungen steht: Ein erheblicher Teil der Lehrkräfte erlebt eine Gratifikationskrise, die begründet wird durch hohe Belastungen, begrenzte Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, gesundheitliche Risiken und unzureichenden Gratifikationen. Dies schmälert sowohl die Attraktivität des Berufs für den Nachwuchs und den Seiteneinstieg als auch die Bindung der bereits tätigen Lehrkräfte.
Aus wissenschaftlicher Sicht zeigen die Ergebnisse, dass eine nachhaltige Verbesserung nur durch ein Bündel struktureller Maßnahmen zu erreichen ist: Entlastung der Lehrkräfte bei Arbeitsintensität und Zusatzaufgaben, Stärkung des Arbeits‑ und Gesundheitsschutzes – einschließlich der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben – sowie eine gezielte Förderung von Wertschätzung, Fairness und vertrauensvollem Schulklima.
Die jetzt vorgelegten beiden Arbeitspapiere bilden den Auftakt. Weitere Auswertungen – etwa zur Situation von Lehrkräften im Seiteneinstieg, zur Digitalisierung und zu konkreten Vorschlägen der Lehrkräfte für Verbesserungen – werden in den kommenden Monaten veröffentlicht. Ein umfassender Endbericht ist für den Herbst geplant.
