Digitaler Stress als zusätzliches Gesundheitsrisiko für die Wissensarbeit

Thema: Der in der Zeitschrift für Arbeitswissenschaft veröffentlichte Artikel betont die Notwendigkeit, im Zuge der Digitalisierung zusätzliche Maßnahmen gegen die Entstehung von digitalem Stress zu ergreifen, aber dabei klassische Arbeitsschutzmaßnahmen nicht zu vernachlässigen.
Autor: Thomas Hardwig
Der Beitrag untersucht die Bedeutung der Digitalisierung als Gesundheitsrisiko anhand einer repräsentativen Befragung von 2548 Lehrkräften in Deutschland.
Mit Hilfe eines multivariaten linearen Regressionsmodells wurden die Effekte der Digitalisierungsintensität und des digitalen Stresses (Technostress) im Verhältnis zu traditionellen Belastungsfaktoren (Arbeitsintensität, Arbeitszeitlage, emotionalen Anforderungen) auf das Burnout-Risiko analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass eine verstärkte Nutzung digitaler Medien nicht per se die Gesundheitsrisiken erhöht. Vielmehr ist es eine unzureichende Gestaltung der Digitalisierung, die digitalen Stress auslöst und damit Burnout-Risiken erhöht. Traditionelle Belastungsfaktoren bleiben jedoch die bedeutendsten Risikofaktoren für die Gesundheit von Lehrkräften. Die Risiken aufgrund der Digitalisierung treten jedoch unabhängig auf und treten additiv zu den bekannten Gesundheitsrisiken hinzu. Die Ergebnisse unterstreichen damit die doppelte Herausforderung für den betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz: Erstens die neuen Risiken aufgrund der Digitalisierung zusätzlich zu bekannten Maßnahmen zu adressieren. Zweitens die Umsetzung der Nutzung digitaler Medien und die Gestaltung digitaler Werkzeuge durch eine soziotechnisch orientierte Gestaltung zu begleiten, um Gesundheitsrisiken zu minimieren.
Praktische Relevanz: Der Artikel zeigt evidenzbasiert am Beispiel von Lehrkräften, dass digitale Belastungen eigenständige, additive Gesundheitsrisiken darstellen und nicht durch traditionelle Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes automatisch mitadressiert werden. Da die Situation von Lehrkräften wahrscheinlich auf andere hochqualifizierte Bereiche der Wissensarbeit übertragen werden kann, die eine ähnliche Form der Digitalisierung von Kommunikation und Zusammenarbeit erleben, ergibt sich daraus ein doppelter Handlungsauftrag nicht nur für Bildungseinrichtungen, sondern generell für wissensintensive Organisationen: Einerseits eine unverminderte, eher noch konsequentere Bearbeitung der traditionellen Risiken als dies bisher geschieht. Anderseits zusätzlich eine proaktive, sozio-technische Gestaltung der Digitalisierung, wofür eine erweiterte Gestaltungskompetenz aufgebaut werden muss. Konkret bedeutet sozio-technische Gestaltung, digitale Arbeit über psychische Gefährdungsbeurteilungen, frühe Beteiligung der Nutzenden, feldbezogene digitale Kompetenzen und bedienungsfreundliche Medien sowie verlässlichen Support iterativ zu entwickeln und zu steuern. Dies verbessert die Gesundheitssituation der Beschäftigten und erhöht zugleich die Qualität der Arbeit.
